Hi Markus & Koerri,
Zitat:
Ulli, was denkst Du ist der Grund warum Du mit recht magerer Flugpraxis in Fiesch die tollsten Strecken runterreissen kannst und den meisten hier zeigst wo der Hammer hängt?
wie du merkst, ziere ich mich ein wenig um eine Antwort, nachdem man hier jede Aussage 2 Mal
ueberdenken muss, ob man das auch aus jedem Blickwinkel so stehen lassen kann.
Ich will zudem nicht grosskotzig wirken, aber deine Fragestellung draengt mich etwas in eine solche Rolle.
Wenn ich nun doch antworte, dann verzeih mir, dass es etwas laenger wird, niemand muss
das hier lesen. Aber meine Methode scheint sicher vielen etwas radikal und ich will empoerten Protesten
besser gleich vorbeugen.
Ich hab kein Geheimnis. Alle Tips die ich geben koennte, hast du schon gehoert, denn ich hab sie
auch nur gehoert in den letzten 9 Monaten die ich nun fliege. Ein bissel Begabung ist vielleicht
dabei, aber sicher nicht der Hauptanteil: Im Prinzip koennte jeder recht schnell recht gut fliegen,
wenn er nur genuegend an Energie investiert. Energie in Form von: Zeit, Commitment, opfern von
Bequemlichkeit, viel Lesen und das dann umsetzen. Wenn ich sehe, dass Leute 10 Jahre fliegen,
und sich als gute Streckenflieger bezeichnen, und dann erstaunt sind, ueber Tips, die fuer jeden
im
Kleinen Ligapiloten (link) nachzulesen sind, wundere ich manchmal schon...
Was mir viel geholfen hat, ist das Forum. Ich hab viele Themen zum Streckenfliegen, Luftraeume,
Technik, Flugtechnik, Taktik, etc. dort nachlesen koennen, wenn sich mir eine Frage stellte.
Genau auf diese Weise habe ich in 5 Jahren Klettern und Bergsteigen einen recht guten Level erreicht.
Wo man frueher einen Mentor brauchte, bieten Heute Foren und gute Websites wie die 'Ente'
einen Erfahrungsschatz, den man sich sonst nur ueber viele Jahre Trial & Error erwerben koennte.
Das ist auch der Grund, warum ich mich hier so engagiere und zu den wenigen Themen,
wo ich schon etwas beitragen kann (Fliegen mit PDA, Paragliding365, Fiesch [dachte ich zumindest])
auch etwas beitragen will um anderen Interessierten zu helfen.
Klar hilft es auch, wenn man sich draussen beim fliegen was von den richtigen Leuten abschaut.
In Fiesch fand ich meinen
Flug mit Alfredo (link) auch recht lehrreich. Vor allem
zwingt einen so etwas dann mal, wirklich ernsthaft sein Koennen einzusetzen und zu kaempfen:
Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich bei den Querungen seinem Stratus ziemlich
bedroeppelt hinterherguckte wie er davonzog. Da gabs nur eine Moeglichkeit dranzubleiben:
Versuchen ihn im naechsten Bart auszukurbeln und vor ihm weiterzufliegen.
Nicht grade einfach bei einem Alfredo ;-) Das ging auch nur, weil er es an dem Tag sicher nicht
drauf angelegt hat, und weil er kaum mal in den Beschleuniger trat.
Trial & Error ist bei vielen Hobbies eine gute Methode, aber weder beim Bergsteigen noch
beim Fliegen sollte man das planlos machen. Ich mache *sehr* viel ueber Trial & Error, aber
innerhalb von eng definierten Grenzen. Ich bewege mich immer am Limit bei all meinen Sportarten,
achte aber extrem darauf, genau zu wissen, wo meine Grenze ist, und ueberschreite die dann nicht,
sondern verschiebe sie langsam. Das hoert sich jetzt vielleicht wie eine Einladung zum
Protest an, und sicher schreit gleich wieder jemand: "Keiner kann seine Grenze so genau
kennen wenn er sie immer weiter pusht! Du hast einfach nur Glueck!" Also, schrei nur,
aber recht hat der Schreier trotzdem nicht.
Ich haette viele Beispiele aus all meinen Hobbies. Ein Beispiel aus dem Bergsport: Warum
hab ich nie ein Notbiwak machen muessen, auf Touren bei denen viele andere eines
machen muessen: -> Vorbereitung und die Kenntnis meiner Grenzen.
Ein Beispiel vom Motoradfahren: Alle Strassen-Profis trainieren viele Stunden im Gelaende,
um den Grenzbereich auszuloten. Wenn man dort faellt, ist man schmutzig, aber nicht tot.
Also bin ich viele Jahre Enduro gefahren und habe trainiert. Heute wundern sich dann Mitfahrer,
wie ich nur meine schwere BMW auf der Strasse wieder fangen kann, wenn sie hinten wegrutscht.
Ein dir naeher leigendes Beispiel, ist mein Erlernen des B-Stalls, der hier immer wieder mal
als 'gefaehrlich' und 'nicht Anfaengertauglich' verschrien wird. Im Prinzip ist es ganz leicht:
Wissen, was der Worst Case ist, wie man den verhindert, oder bei Eintreten behebt und dann
mit viel Hoehe ausprobieren. Oft ausprobieren, lang ausprobieren, immer wieder ausprobieren,
in ruhiger Luft, in der Thermik, ueberall. Vom Einfachen zum schwereren. Irgendwann wusste ich dann:
Mein Schirm ist wirklich zuverlaessig im B-Stall. Man kann ihn, entgegen der Lehrschrift
aus dem Sicherheitstraining auch halb stallen, langsam ausleiten, und einseitig ziehen, und somit lenken,
und zwar vorwaerts, rueckwaerts und rechts-links, und sogar damit im Schnee auf einer
Bergkuppe landen. Natuerlich ist das ein Bei-Rot-ueber-die-Ampel-gehen: Gefaerhlich, wenn man es
blind und unvorsichtig tut. Aber ich beschreibe das hier trotzdem, weil hier Erwachsene mitlesen
und keine Kinder - jeder kann selbst abschaetzen, ob er dafuer reif ist oder nicht, und
ob er das will oder nicht.
Genau so hab ich es mit dem Fullstall gemacht und mit dem Toplanden und schliesslich das
mit dem Streckenfliegen: Theorie lesen, in der Praxis ueberpruefen, immer einen Notfallplan haben.
Lees waren Anfangs ein ziemlich harter Brocken, aber wenn man sich da vorsichtig herantastet,
merkt man auch hier, wie man immer besser wird im Verhindern von Klappern. Die Woche
in Fiesch war z.B. jeder Flug gen Westen ein Kette von Lee zu Lee: Mit meinem 1-2er kam
ich immer weit unter Grat an, wo ein Stratus noch eben drueber kam. Diese Lees waren
ein guter Test fuer mich, wo ich momentan stehe. Die ersten 2 Tage habe ich es bald abgebrochen,
aber am 3. Tag kannte ich dann das Schema, und bin einfach weiter, und siehe, es ging immer besser.
Klar bin ich mir bewusst, dass man auf Strecke immer ein hoeheres Risiko eingeht als wenn
man nur vor dem Startplatz aufdreht und dort dann rumhaengt. Ich bin auch schon in
Situationen gekommen die all mein (noch geringes) Koennen gefordert haben.
Natuerlich kann es mir auch passieren, dass ich Morgen irgendwo runtergehe, weil ich
meine 'Grenze' doch mal falsch eingeschaetzt habe. Aber ich fuehle mich mit meiner Methode
sicherer als mit der Vorgehensweise, die die meisten waehlen: "Nur kein Risiko eingehen!"
Denn beim Fliegen ist eben nicht alles planbar - Aber wer sich oft in Grenzsituationen uebt,
dem macht es dann nicht soviel aus, wenn ihm die Natuer unerwartet eine Grenzsituation aufzwingt.
Deswegen war ich auch noch auf keinem Sicherheitstraining: ST's machen zwar definitiv Sinn!
Aber IMHO nur als Einstieg. Nur wer danach das erlernte nicht weiter uebt, hat im Ernstfall
sicher keine Reflexe, die ihn automatisch das Richtige tun lassen. Also ueb ich lieber selber
immer wieder meine Stalls und Klapper, als nur alle paar Jahre in einem ST.
Zusammenfassend kann ich nur sagen: Man sollte seine Faehigkeiten genau kennen,
und dann Stueck um Stueck erweitern. Das ist ein Investment, ganz klar und man muss
Zeit, Energie und manchmal Spass dafuer opfern. Jeder muss halt wissen ob es ihm
das Wert ist. Ich weiss nur: Fast jeder koennte, wenn er wollte, denn anders als beim Bergsport,
Leichtatlethik, etc. muss man zum Fliegen fast keine koerperlichen Vorraussetzungen
mitbringen - 90% beim Fliegen ist Kopfarbeit. In diesem Sinne:
Viel Spass beim Lernen!
Gruss, Ulli